Techno mit Berliner Seele
Mit gerade mal einer Handvoll Singles und einer Langspielplatte mag es vielleicht etwas merkwürdig klingen, Fritz Kalkbrenner als einen der bedeutendsten Techno-Musiker der jüngeren deutschen Musikgeschichte zu betiteln. Schaut man sich jedoch an, wie er zusammen mit seinem Bruder Paul elektronische Musik in eine popkulturelle Wahrnehmung zurückgeführt hat, die so wohl zuletzt in den neunzigern Jahren auftrat, ist dieses Urteil kaum vermessen. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass Fritz Kalkbrenner nicht erst seit gestern Musik macht. Seine ersten Veröffentlichungen reichen bis ins Jahr 2002 zurück, als er Stücke von Sascha Funke mit seiner Stimme das “gewisse Etwas” verlieh.
Diese Erfahrung merkt man ihm auch bei Gesprächen an. Hier spricht ein Musikkenner und technisch erfahrener Produzent, der sich für Bandmaschinen ebenso begeistert wie für die neusten MIDI-Controller und Audio-Interfaces.
Dein Debütalbum “Here Today, Gone Tomorrow” wurde vor gut einem Jahr veröffentlicht. Seitdem befindest Du Dich ständig auf Tournee. Letztes Wochenende hattest Du Auftritte in Singapur und Bali. Wie kamen Deine beiden Gigs dort an? Ich habe in diversen Reportagen gesehen, dass das asiatische Publikum meist sehr euphorisch ist, vor allem, was europäische Musik angeht.
Das asiatische Publikum kann sehr euphorisch sein, das ist wahr. In erster Linie ist der Gig recht exotisch gewesen. Wenn man nach Singapur oder Bali fliegt, dann ist das natürlich ziemlich anstrengend. Die Flugzeit beträgt 14 Stunden. Du kommst dort an, es sind 30 °C und es haut dich aus den Latschen. In den Clubs sind natürlich viele Dinge anders. Mir ist von vornherein eindringlich nah gelegt worden, dass ich im Club nicht rauchen darf, da das ganz starke Probleme für mich persönlich nach sich ziehen würde.
Die Gigs selbst waren eher wie eine Exilantenparty mit vielen Schweizern, Österreichern und Deutschen, die dort wahrscheinlich zielgerichtet durch die Werbung vor Ort hingekommen sind. Es waren aber auch viele Chinesen, Tamilen und Malaien da.
Beide Gigs, Singapur wie auch Bali, waren für mich einfach ein sehr großes Erlebnis. Mich freut natürlich, dass über die weite Entfernung, also über den europäischen Markt hinaus, meine Musik Interesse und sogar auch Begeisterung hervorruft.
Wie empfindest Du im Gegensatz dazu das Publikum in Deutschland? Beispielsweise bei deinem Cosmic Club Gig im Juli hier in Münster.
Die Show in Münster war ausgesprochen gut, das kann ich wirklich sagen. Also, das Respondere des deutschen Publikums ist natürlich überbordender. Das hängt auch damit zusammen, dass es für einen Deutschen viel einfacher ist, sich mit dem Album auseinander zu setzen. Der kennt das vielleicht schon seit seiner Veröffentlichung, während man den Leuten in Asien oder in den Staaten erst mal zeigen muss, worum es geht und was sie erwartet.
In Münster kam hinzu, dass viele Leute da waren, die wussten, was geliefert wird, also, was sie an dem Abend präsentiert bekommen und dementsprechend in Vorerwartung waren. Somit ist mein Job auch nicht mehr ganz so schwer: Ich muss nicht auf Teufel komm raus versuchen, den Gast zu locken, sondern kann mich direkt in die Sache reinstürzen. Und das ist dann natürlich ganz toll.
War es geplant, dass Du zu Deinem Album so viele Gigs spielst? Oder übertrifft “Here Today, Gone Tomorrow” die Erwartungen von Dir und Deinem Label?
Es übertrifft die Erwartungen. Wir haben schon damit gerechnet oder ehrlicher gesagt, wir haben darauf gehofft, dass es vielleicht so sein würde. Aber mit der Menge an positiver Resonanz auf das Album in der Presse und bei den Fans hätten wir nicht gerechnet. Man tritt als Künstler generell recht kritisch damit an und fragt sich natürlich: “Wie wird es denn ankommen?”
Was die Menge an Gigs angeht, bin ich im letzten halben Jahr ganz schön überrollt worden, das muss ich gestehen. Aber ich halte mich ganz gut. Ich kann hinter alle Gigs ein Häkchen machen. Und schließlich wächst man ja an seinen Aufgaben.
Auf Deinem Album mischst Du eine ganze Reihe von Stilen. Angefangen vom Intro, dass eine sehr organische Instrumentaliserung aufweist, ja gar nach einer “richtigen” Band klingt. Oder Deine Single “Facing The Sun”, die aufgrund der Gitarre an Elektro-Folk erinnert. Und dann gibt es noch die technoideren Stücke wie “Amy Was A Player”, mit der typisch Kalkbrenner‘schen Bassline. Wie kommt diese Mixtur zustande? Steckt dahinter ein Konzept oder ist Dein Album mehr oder weniger eine Aneinanderreihung von einzelnen Stücken?
Man könnte sagen “Es ist schwer zu beantworten”, aber dabei ist es das eigentlich gar nicht. Die Bandbreite ergibt sich aus meinen recht weit gefächerten Einflüssen. Und die speisen sich aus Soul, Funk, Blues, Jazz, etc. Am Ende des Tages spricht man von Musik, die einem gefällt, im Gegensatz zu der Musik, die einem nicht gefällt. Musikalische Barrieren, ein gewisses Schubladendenken habe ich über die Jahre aufgegeben. Das, was ich an künstlerischem Input aufnehme, das versuche ich in meine ureigene musikalische Sprache zu übersetzen und so geschieht es dann, dass eine große musikalische Varianz und Bandbreite entsteht. Es kommen dabei Sachen heraus, die man klassischen Dancefloor oder Techno nennen könnte. Eine klassische Instrumentierung findet aber auch statt. Ich stoße mich nicht daran dieses breite Spektrum zu präsentieren und dafür einzustehen. Manche Künstler, die diese künstlerische Bandbreite haben, unterteilen das in unterschiedliche Synonyma. Ich ziehe jetzt einfach mal Mathew Herbert aus dem Hut: Macht er eine klassische Technoplatte, nennt er sich Radioboy. Jazzige Sachen hingegen veröffentlicht er unter dem Namen Herbert. Er besitzt diese Bandbreite, hat sich jedoch dafür entschieden, das unter verschiedenen Synonymen zu machen. Bei mir ist es so, das ich dafür mit einem Namen einstehen kann, was natürlich auch ein Wagnis ist, beispielsweise eine Elektro Folk-artige Nummer an etwas anderes anzufügen.
Zum zweiten Teil deiner Frage: Das Album ist keine lose Aneinanderreihung von Titeln, ich habe mir dazu schon Gedanken gemacht, aber es ist kein von vorneherein entstandenes Konzept, bei welchem ich gesagt habe: “Dann kommt eine starke, energetische Nummer, dann bringe ich wieder Ruhe in die Sache rein.” Ich habe in der Produktion ein gewisses Portfolio an unterschiedlichen Nummern erarbeitet und daraufhin habe ich mir natürlich im Detail Gedanken gemacht: “Wann, wie, welche Abfolge?” Ich habe mehrere schlaflose Nächte damit verbracht und 14 imaginäre Zahlen in meinem Kopf hin und her geschoben. Es ist schon eine gewisse Zeit vergangen bis ich den für mich funktionierenden Pfad gefunden hatte. Aber am Ende war das für mich anscheinend das beste Ergebnis. Und irgendwann muss man dann auch loslassen und dann steht das Album auch schon im Laden.
In diesem Zusammenhang: Denkst Du, dass das Albumformat in Zukunft noch eine Rolle spielt? Ich habe einige Künstler gehört, die sich aufgrund der digitalen Distribution von diesen Veröffentlichungszyklen lösen wollen und einen Track dann veröffentlichen möchten, wenn er eben fertig ist. Und nicht erst auf ein Album Release warten wollen.
Die Veränderung in den letzten fünf Jahren ist bemerkbar geworden durch die Demokratisierung der Distributionswege. Du musst die Nummer nur fertig haben und dann bringst du sie raus, fertig, bumm! Das bringt natürlich viel Gutes mit sich. Ich für meinen Fall bin noch nicht bereit, dass Konzept “Album” sterben zu lassen. Mein Schrank ist randvoll mit Sachen wie Marvin Gaye‘s “What‘s Going on”. Das ist als Album konzipiert worden, von vorne bis hinten, das steht für sich, das ist ‚ne runde Scheibe. Der Mann hat zwei Jahre seines Lebens an Energie in dieses Album reingepresst. Mir gefällt einfach dieser Albumgedanke. Und selbst wenn es so wäre, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, bin ich noch nicht ganz bereit davon loszulassen. Da warte ich lieber noch ein bis zwei Monate, bis dann das ganze Konzept fertig ist und präsentiere es an einem Stück. Bei mir kommen aber noch andere Faktoren dazu: Da ich ab und an auch eine Nummer singe und kein reiner Produzent bin, bietet sich das Albumformat bei mir auch etwas besser an.
Eine Möglichkeit für eine losgelöste Veröffentlichung wäre doch Dein Track “Wess”, auf denen viele sehnsüchtig warten.
Das ist eine ganz komische Geschichte mit der Nummer, da ich die bisher immer nur live gespielt habe. Das Stück existiert als reine Live-Nummer und ist in keinster Art und Weise gepresst oder digital veröffentlicht worden. Ich hatte das auch nie vor und mit der Zeit sind durch das Netz immer mehr Leute darauf aufmerksam geworden. Die haben sogar herausgefunden, wie die Nummer heißt - ich weiß bis heute nicht wie, ich hab‘s nie erzählt, aber sie haben es herausgefunden.
Wir werden eine Digitalveröffentlichung von der Nummer machen. Das passiert am 11. November 2011. Da ist es dann zum Beispiel der Fall, dass wir gesondert, rein digital veröffentlichen. Mit diesem Stück gehe ich dann also den Schritt zur Direktveröffentlichung und warte nicht auf ein Album. Ich könnte mir jetzt auch nicht wirklich vorstellen, wie diese Nummer in einen Albumkontext passt. Die läuft außer Konkurrenz.
Und das kommt rein digital oder lasst Ihr dann auch noch Vinyl pressen?
In dem Falle lassen wir keine Vinyl pressen, gar nichts, das Stück gibt es dann nur digital, da die Veröffentlichung im Vorhinein nie geplant war. Es handelt sich dabei in meinen Augen um ein reines Gimmick und wir wollen es dann auch dabei belassen.
Bevor Du bei Deinem jetzigen Label Suol unterschrieben hast, hast Du Sachen bei verschiedensten Labels veröffentlicht. Du hast in einem ITV gesagt, dass Du recht glücklich bei Suol bist. Es klang fast so, als wärst Du nun endlich “angekommen”. Warum hat es für Dich so lange gedauert, bis Du das richtige Label gefunden hast?
Ich bin jetzt auch schon ein paar Tage älter und habe die Entscheidung ausschließlich Musiker zu sein, vergleichsweise spät getroffen. Es hat ja auch ein Leben davor gegeben. Aus der Zeit weiß ich, dass man nicht verfrüht Entscheidungen treffen sollte. Deswegen hab ich mir wirklich Zeit gelassen. Es gab Angebote von verschiedenen, größeren Labels, die auch wirklich interessant waren, wo ich mich dann aber auch manchmal gefragt habe, wie das dann alles in der Realität umgesetzt wird. Ein großes Label, das 40 Künstler betreut und bei dem dein Labelmanager 700 km weit weg sitzt, den du zweimal im Jahr siehst, weil der Mann auch nicht wirklich Zeit hat, kann sich natürlich nicht so intensiv um dich kümmern. Deswegen habe ich mich lange Zeit zurück gehalten und mir gesagt: “Ich warte lieber. Geduld, Geduld. Kommt alles.” Ein bisschen Gottvertrauen gehört da auch zu.
Und John und Thien, die Betreiber von Suol, also Chopstick & Johnjon, kenne ich auch schon lange und es hat sich dann alles Stück für Stück zusammengefügt. Erst ging es nur darum, eine Platte zu machen und dann haben wir uns auch auf professioneller Ebene näher kennengelernt und gemerkt, dass dieselbe Vorstellung über Präsentation und Geschmack herrscht – man stelle sich vor, die Jungs wären im Gabba zu Hause.
Wenn dann dieser Zeitpunkt gekommen ist und man das alles wirklich für richtig empfindet, dann sollte man auch daran festhalten. Ich persönlich halte nichts von Labelhopping: Single hier, Single dort. Wie soll ein Hafen entstehen, wie sollst du mit Leuten zusammen arbeiten, die auch wirklich für dich einstehen und auch alles für dich geben, wenn du heute hier und morgen dort bist? So können keine festen Bindungen, so kann keine Basis entstehen. Bei mir ist es jetzt glücklicherweise der Fall, dass ich bei einem sehr guten Label gelandet bin, mit sehr guten Freunden, Künstlern und Labelbetreibern. Ich kann mich nur freuen.
Du sprachst es gerade an: Heute hier, morgen dort. Ist das die Intention hinter dem Albumtitel?
Der Titel spielt definitiv mit dem Gedanken der Wechselhaftigkeit einer Musikerexistenz. Man muss sich mit dem Fakt auseinandersetzen, dass Musik eine sehr fraktale Arbeit ist. Es ist ja nicht so, dass ich verbeamtet bin, bei der Sparkasse arbeite und weiß, dass zwei Wochen vor Stichtag 65 mein Rentenbescheid kommt. Ich weiß auch nicht, wo ich in ein paar Jahren sein werde. Somit ist das natürlich als große Metapher zu sehen. Wo bin ich heute, wo stehe ich morgen? Das sind auch Dinge, die einem Sorgen machen können. Aber dies kann man auch als kleine Herausforderung anzusehen, die Auseinandersetzung stetig weiterlaufen zu lassen. Denn, ein Künstler, der sich nicht mehr sorgt, der nicht mehr die Auseinandersetzung mit sich selber und seinem künstlerischen Schaffen sucht, fängt an zu stagnieren und das ist so, als wäre man geistig tot. Dann kann man es auch wirklich sein lassen und wieder anfangen Brötchen zu backen.
Die Songs auf “Here Today, Gone Tomorrow”, in denen Du singst, haben eine recht poppige Struktur. Die eingespielten Samples klingen zudem nach echten Instrumenten. Warum nicht also als Band auftreten? Würde Dich das reizen?
Das würde mich definitiv reizen. Der Gedanke schwirrt auch schon seit längerem durch meinen Kopf, ich geh schon recht schwanger damit umher. Früher oder später würde es mich wirklich interessieren, das umzusetzen. Noch ist es so, dass ich das nicht überhasten möchte. Bis jetzt bin ich so etwas, was man einen handelsüblichen, elektronischen Live Act nennen würde. Innerhalb eines halben Jahres mit vier Leuten auf der Bühne zu stehen und jetzt DIE Band zu sein, das ist auch ein wenig zu schnell fürs Publikum. Wenn es zu Auftritten als Band kommen sollte, dann würde das Stück für Stück passieren. Man würde beispielsweise damit anfangen, eine Live Show mit Unterstützung eines Gitarristen zu spielen. Man muss sich ja auch selber in die Sache reinfinden. Nichtsdestotrotz ist der Gedanke recht verführerisch und bei mir auch noch nicht ad acta gelegt.
Kann solch eine Live Show mit Band überhaupt noch im Club stattfinden?
Das kann nicht mehr im Club stattfinden. Das muss dann Venuegröße haben. Da es bei mir zunehmend so ist, dass die kleinen Clubs seltener und die großen Venues immer mehr werden, ist das natürlich auch eine Richtung. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, das muss man jetzt nochmal sehen. Zur Zeit ist es der Fall, somit würde es sich nicht beißen. Aber über ungelegte Eier soll man jetzt auch nicht sprechen. Und soweit ist es auch noch nicht.
Wie auch am Anfang des Interviews nennst du als Deine musikalischen Einflüsse als erstes meist Marvin Gaye und Curtis Mayfield, elektronische Künstler dagegen nicht. Wie bist Du dann zur elektronischen Musik gekommen? Spielen für Dich Elektronik Pioniere wie Kraftwerk keine Rolle?
Das hat bei mir einen recht seltsamen Weg genommen. Ich war in meiner frühen Jugend ein ziemlich großer Hip Hop-Head, was ich heute natürlich immer noch bin, aber man öffnet sich ja stilistisch. Wenn man 13 Jahre alt ist, steht man auf die Musik XY und alles andere kann nur schlecht sein, da die Scheuklappen noch groß und kräftig sind. Mit zunehmenden Alter öffnet man sich immer mehr. Du interessierst dich dann zunehmend für elektronische Musik.
In Berlin, da wo ich aufgewachsen bin, ist ja Techno beziehungsweise Clubmusik zu meiner Zeit allgegenwärtig gewesen. Elektronische Musik ist dann immer mehr zu dem geworden, was im täglichen Leben eine Rolle spielt, während ich manch andere Musik eher unter akademischen Gesichtspunkten betrachte.
Bei Kraftwerk habe ich wohl eine Position übersprungen. Für mich selbst ist Kraftwerk nicht so von Interesse, sie sprechen mich persönlich nicht so sehr an, denn da herrscht auch ein gewisser Zeitabstand. Kraftwerk betrachte ich wirklich nur unter akademischen Gesichtspunkten, also erforschender Natur, was sie gemacht haben. Sie sind wunderbare Pioniere, wir sind froh, dass sie da sind und getan haben, was sie getan haben, denn ohne sie wären wir nicht hier.
Was für mich dann wiederum wichtig und beeinflussend ist, das ist, was andere daraus angenommen haben. Also, als ‚78 im Apollo Kraftwerk gespielt haben, da haben in der ersten Reihe Bambaataa und die ganzen Typen gestanden und sind durchgedreht, weil sie es nicht fassen konnten, was da los ist. So wie die das dann übersetzt haben, Kevin Saunderson, Derrick May und die ganzen anderen Jungs aus Detroit, das ist dann wieder für mich interessant. Somit ist eine Beeinflussungsstufe übersprungen worden. Man kann sagen, dass die ganzen alten Chicago House- und Detroit-Typen meine großen Urväter sind.
Der Name Kalkbrenner wird in hiesigen Gefilden schnell in einem Atemzug mit Techno genannt. Inwieweit verstehst Du Deine Musik überhaupt als Techno?
Es kommt immer auf die Ermangelung eines Begriffs oder einer Definition an. Es kommt z. B. alle Jubeljahre der Begriff Electro auf, wo sich mir persönlich, in meinem Alter, die Haare aufstellen und ich dann immer sage: “Leute, Electro ist was ganze anderes. Hört euch mal dieses belgische 8-Bit-Zeug an – das ist Electro.” Das ist heute nicht mehr so, weil in Ermangelung des Begriffes, ist der neu besetzt worden und meint jetzt etwas anderes.
Es stellt sich einfach die Frage: Wie will man das Kind nennen? Bei uns war es gang und gäbe, es Techno zu nennen. Und deswegen trage ich immer noch diesen Begriff im Mund. Wie weit der zulässig ist für jemanden der 16 Jahre alt ist, das kann ich gar nicht beurteilen. Um ehrlich zu sein, ist es für einen Künstler so: Sobald man etwas veröffentlicht, hat man auch keine Deutungshoheit mehr darüber. Wenn die das Flasche Bier nennen wollen oder Tüte Chips, dann sollen sie es tun. Wenn ich die Oberhohheit darüber behalten möchte, dann darf ich es auch nicht veröffentlichen.
Ich würde gerne wieder auf Deine Auftritte zurück kommen: Kannst Du Leute verstehen, die elektronische Acts live als statisch, wenn nicht gar langweilig empfinden? Oder spielt das für Dich keine große Rolle, da Clubgänger eh eine ganz andere Erwartungshaltung haben als Konzertbesucher?
Das kann ich auf jeden Fall verstehen. Das hängt natürlich auch mit der grundlegenden Prägung zusammen. Jemand, der mit Creedence Clearwater Revival aufgewachsen ist, der wird bei Aux 88 nicht durchdrehen. Das ist aber auch nicht schlimm. Die Leute dürfen das schon NICHT mögen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir sagen würden, das ist hier Diktat, das muss so sein. Nicht mögen, statisch und blöd finden können die das jederzeit. Wenn jemand sagt: “Das ist ja kein richtiger Live Act. Wo ist die Gitarre und das Schlagzeug?”, dann denke ich mir: “Gut, deine Meinung sei geschätzt, aber dir fehlen natürlich gewisse Faktoren und Bausteine.” Ich will denjenigen dann aber auch nicht belehren, von daher stört mich das überhaupt nicht.
Ich würde mich aber nicht als statischen Live Act bezeichnen, da ich nach jeder Show ungefähr fünf Liter schwitze und bei jedem Gig auch immer ein Paar Wechselklamotten dabei habe, da meine Sachen sofort in die Waschmaschine müssen. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Es gibt natürlich Künstler, deren maximale Bewegung der Zeigefinger an der Maus ist. Das ist dann natürlich nicht so spannend, das gebe ich zu. Die so genannte B-Note, wie viel man von sich physisch reingibt, spielt natürlich auch eine Rolle.
Wenn Du live spielst, ziehst Du dann einzelne Spuren Deiner Projekte in Ableton und manipulierst und mixt alles live zusammen oder ist das zu einem gewissen Grad bereits vorbereitet?
Man kann sagen, dass es beides ist. Es passiert nicht mehr alles impulsiv. In meiner früheren Zeit habe ich diesen Anspruch gehabt, dass wirklich alles im Live Arrangement stattfinden muss. Wenn das aber zu lasten des Outputs, der Performance geht, dann macht das auch wirklich keinen Sinn. Es gibt also auch vorbereitete Blöcke. Grundlegend kann man sagen, dass die Titel von mir, die ich präsentiere, in einzelne Spuren, also in ihre einzelnen Elemente zerlegt sind: In Drumming, in Themen, in Basslines, etc. Sie sind untereinander gesplittet und werden in einem Live Arrangement zusammengefügt. Da gibts natürlich auch mal größere Parts, die man an einem Stück laufen lassen kann, falls man sich mal eine Zigarette anmachen möchte oder so. Die ganze Zeit mit den Fingern am Regler kleben ist nämlich ganz schön anstrengend.
Wie gestaltet sich Dein Live Auftritt aus technischer Sicht? Welche Geräte nutzt Du?
Ich habe ein neues MacBook Pro 15”, auf dem läuft Ableton Live 8. Darauf befindet sich meine Live Maske, die ich spiele mit dementsprechend vielen Spuren, wo die einzelnen Elemente drin gefasst sind. Darin habe ich Kick Spuren, Bass Spuren, Themen Spuren, dann kommen irgendwann die Claps und die Hihats. Alles hat ’ne eigene Spur.
Dann habe ich noch so einen wunderschönen, kleinen, schrottigen Controller. Das ist der UC 33, der leider nicht mehr hergestellt wird, wie ich erfahren habe, was ein bisschen schade ist, weil der macht schon Spaß, obwohl der so eine kleine Plastikgurke ist. Und ganz wichtig ist natürlich mein externes Soundboard. Das ist die Apogee Duett: Eine hochqualitative Duo-Kanal Soundkarte in einem Stahlkasten, mit der man dann in die Hauptanlage geht. Das ist eigentlich schon der ganze Zauber. Wenn ich mich daran erinnere, das ich meinem Bruder vor ungefähr 14 Jahren im Casino, einem Club in Berlin, geholfen habe, seinen Live Act aufzubauen, dann ist das mit heute nicht mehr zu vergleichen. Wir haben damals im Endeffekt sein ganzes Studio ausgebaut und in den Club gebracht. Wir reden hier von acht Kompressoren, Delay Geräten und 15 kg Kabeln. Ein heilloses Tohuwabohu: Zwei Stunden Soundcheck, weil der Stromkreis nicht stimmte. Da ist man natürlich ganz schön froh, dass man heutzutage aufgrund des Fortschritts mit kleinem Besteck unterwegs sein kann. Also, ein Hoch auf den Fortschritt.
Gibt es Geräte, die Du in Zukunft gerne bei Deinen Live Auftritten einsetzen würdest?
Für mich sind natürlich immer die Controller und die Soundkarten interessant. Vestax VCM-600 möchte ich mir mal genauer anschauen. Der soll jedoch ein bisschen schwer sein. Und er ist zwar schön flach, aber auch breit. Der passt nicht in den Rimowa Koffer, das ist irgendwie doof. Da muss man sich noch etwas einfallen lassen.
Die neue Apogee will ich mir auch anschauen. Die sieht grafisch ganz lustig aus mit ihren LEDs - das ist alles ganz schick. Die Frage, die sich mir allerdings stellt: Ob sie wirklich auch aus Metall ist wie die erste Apogee Duett? Ich habe die neue noch nicht angefasst. Eine Soundkarte, deren Gehäuse aus rostfreiem Stahl besteht, ist beim Live-Einsatz mehr als gut. Die kann man auch mal ins Bier tauchen oder dem Tourmanager an den Kopf werfen. (lacht)
In einigen Medienberichten wirst Du fälschlicherweise als DJ angekündigt. Was denkst Du, warum man den Unterschied zwischen DJ und Live Act hier und da immer noch nicht ganz verstanden hat?
Ja, wo liegt die Schuld? Liegt es an der Kommunikation, haben wir uns nicht deutlich ausgedrückt oder ist es dann doch noch zu abstrakt für jemanden, der nicht in der Materie steckt? Ich weiß es nicht. Es kommt immer darauf an, wer das sagt. Wenn ich am Zoll stehe und die Beamten fragen: “Was machen Sie?”, dann sage ich denen ganz schnell: “Ich bin DJ.” Die haben dann ein Bild vor Augen und wissen, worum es geht. Ich sage denen nicht: “Ich bin ein Live Act”, weil dann stehe ich noch fünf Minuten da, um denen zu erklären, worum es sich dabei handelt. Von daher ist das vollkommen in Ordnung.
Fragen die Damen und Herren vom Zoll dann vielleicht auch mal, wo Deine Platten sind?
Das gibts alles. Wenn mich ein Lifestlye Magazin, wo drauf steht “Heiße Party, heiße Girls, heiße Drinks” oder so, jetzt mal nur so gesponnen, als DJ Fritz Kalkbrenner ankündigt, drück ich auch noch ein Auge zu. Wenn es aber ein Veranstalter macht, der eigentlich in der Materie stecken müsste, dann gibts natürlich im Nachhinein kräftig von mir auf die Finger, da können die sich sicher sein. Es geht wahrscheinlich einfach darum, wie sehr das denjenigen, der das schreibt, interessiert. Ich glaube, daran lässt sich das ablesen. Also, wenn derjenige, der das kommuniziert, eigentlich nur eine Person sehen möchte, die an leuchtenden Dioden rumdreht, damit aus den Boxen ein bisschen was raus kommt, dann interessiert es den auch nicht wirklich, ob das jetzt ein DJ oder ein Live Act ist. Aber ein dezidierter Fan, den wird das schon interessieren. Und es wird auch zunehmend besser.
Könnte man sagen, dass “Berlin Calling” ein bisschen zur Verwirrung beigetragen hat, da Dein Bruder im Film als DJ vermarktet wurde? Mit dem Hintergrund, dass es die Leute sonst vielleicht nicht so richtig verstehen, was ein Live Act ist.
Nee, im Film wurde er als Live Act ...
Ich habe da gestern extra nochmal nachgeschaut und in der Kurzbeschreibung des Films steht “DJ Ickarus”.
Ja stimmt, da beißt es sich. Aber in der Präsentation des Films, das muss man schon gestehen, wird er als Live Act dargestellt. Wobei, ich habe da noch nie wirklich genau nachgefragt, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass das eher zur Transparenz beigetragen hat. Der Mensch versteht schnell das, was er sieht. Und wir sehen einen Künstler, einen Live Act in seinen Höhen und Tiefen. Da kommt nicht eine Platte oder Plattennadel vorbeigefahren.
Warst Du überhaupt jemals als DJ unterwegs? Oder beschränkt es sich bei Dir rein aufs Produzieren und den Live Act?
Ich habe den DJ-Block komplett übersprungen. Mit 17 Jahren habe ich bereits angefangen zu produzieren, da war das dann schon für mich interessant. Ich war dann schon eher der Beatbastler als was anderes.
Und wenn man dann beginnt, sich mit der Produktion aus-einanderzusetzen, dann kann das wirklich eine schlafraubende Wissenschaft sein, gerade in der Anfangszeit, wo man noch lernen muss, wie das alles funktioniert. Heutzutage geht einem das viel leichter von der Hand, weil man die ganzen Tricks und Kniffe kennt. Damals war Deejaying ein bisschen uninteressant für mich, also einfach von der Auseinandersetzung her. Ich habe gedacht: “Umm, zwei Quellen beherrschen, das ist aber wenig Herausforderung.” Jetzt, so im fortschreitenden Alter, könnte ich das aus Spaß nochmal lernen. Denn jetzt gehts nicht mehr um die Herausforderung, die habe ich beim Live Spielen schon. Ich würde es ganz unbeschwert lernen. Ich möchte demzufolge nicht ausschließen, dass ich daran noch einmal Interesse finde.
Das wäre auch meine nächste Frage gewesen: Ob es für Dich in Frage käme.
Wie gesagt: Ich will es in keinster Art und Weise verneinen. Noch ist es nicht der Fall, noch spielt es für mich keine Rolle. Aber man sollte in diesem Falle jede Ausschließlichkeit vermeiden.
Es gibt ja auch viele Live Acts, die zweigleisig fahren und eben auch als DJs unterwegs sind.
Ja, das habe ich schon öfters gesehen. Ich glaube, der Hintergrund ist eine weitere Präsentationsfläche schaffen zu können. Weil als Live Act ... ich sag mal so: Anthony Rother zum Beispiel, wenn der normalerweise spielt: Der braucht seine gefühlten vier Quadratmeter Bühne, das Zeug muss da alles stehen. Wenn der jetzt zum Beispiel in einem kleineren Laden eine Show spielen möchte, dann passt das natürlich sehr gut, als DJ aufzutreten. Man passt sich ja auch den Gegebenheiten an. Ich glaube, dass deswegen diese beiden Felder bedient werden, was ja auch ganz schlau und angenehm ist.
Wäre das Auflegen unter dem Aspekt für Dich interessant, dass man als DJ mehr aufs Publikum eingehen kann? Wenn ich an einen Live Act denke, frage ich mich, inwieweit man darauf reagieren kann, wenn der Funke zum Publikum mal nicht überspringt. Als DJ kann man problemlos eine andere CD einlegen und das Genre wechseln.
Das stimmt. Das ist auch der Fluch und Segen des Live Acts. Die Präsentation als Live Act ist ureigen, weil es Deins ist, dafür stehst Du ein, da kann Dir kein anderer reinreden. Das ist das Positive daran. Wenn es natürlich nicht klappt, bist du nicht so flexibel, das ist so. Ich empfehle in diesem Fall immer nur Augen zu und durch.
Bei einem sehr undankbaren Publikum hat ein DJ höhere Chancen das Ruder nochmal rumzureißen. Da ist die Flexibilität der Quellen vorhanden, da muss ein Live Act sich ein bisschen mehr anstrengen. Es gibt jedoch auch ein paar Bruchpunkte in meinem Set, wo ich weiß, dass ich mit ein paar kleinen Notfallnummern nochmal die Kuh vom Eis holen kann.
Kommen wir vom Live spielen zum Produzieren. Wie ich gelesen habe, gibt es schon erste Überlegungen für neues Material bzw. ein neues Album. Entstehen bei Dir alle Sachen Daheim oder fertigst Du erste Ideen, quasi Klangskizzen, auch unterwegs an?
Unterwegs passiert nicht so viel, da ist der Kopf zu voll. Es passiert meistens zu Hause. Wobei ich sagen muss, dass, wenn ich mich z.B. zurück erinnere an die Anfangszeit, da hab ich auch mal fünf Wochen das Mischpult angestarrt und versucht produktiv zu sein ohne etwas zustande gekriegt zu haben. Mit fortschreitender Zeit und Fähigkeit, merkt man, dass das nicht nötig ist. Ich muss mir nicht unbedingt drei Wochen an den Geräten einen abknüpfen, sondern ich weiß, wenn einen die Muse küsst, dann soll man es tun. Es ist so, dass dann in kurzer Zeit sehr viel passieren kann. Ich muss das nicht forcieren. Ich weiß, dass wenn der Impetus da ist, dann ist auch ganz schnell mal, so in einer dreiviertel Stunde, eine Rohbauskizze vorhanden. Deswegen steh ich da nicht so oft unter Zugzwang. Aber es ist schon so, dass das meiste zu Hause passiert. Unterwegs fehlen mir meistens die Nerven dafür.
Gibt es irgendwelche Sachen, die Dich dazu bringen, dass Dich “die Muse küsst”? Dass Du sagst, ich gehe jetzt eine Stunden Joggen und danach kann ich total gut produzieren?
Nein, eigentlich nicht. Das ist wie der Fingerzeig Gottes, das kommt so aus dem Nichts. Das ist dann da und dann geht das ganz schnell los. Da ist nicht irgendwie Ruhe oder so. Äußere Einflüsse sind das eigentlich eher seltener. Das sind ja auch Dinge, die eher von innen kommen.
Arbeitest Du beim Produzieren eher Loop- oder Samplebasiert?
Das ist ganz unterschiedlich. Früher habe ich immer gedacht, ich muss soundso anfangen. Mittlerweile weiß ich aber, es gibt kein Patentrezept. Das klingt doof und ist auch abgegriffen und jeder Produzent erzählt dir, dass es das nicht gäbe, aber es ist auch so. Man fängt nicht mit einer Bassline an und dann kommt dies und jenes, es kommt immer anders. Und dementsprechend stehen einem alle Möglichkeiten offen. Mal hat man eine B-Seite von Marvin Gaye und sampled die rotzfrech und looped und manipuliert das bis zum Erbrechen, arbeitet sich voran und setzt natürlich auch noch ein paar One Shot Samples ein, die tonal darauf abgestimmt werden und dann zusätzlich zu dem Thema abgefeuert werden. Manchmal nimmt man auch einen Loop, zerschneidet und triggert den und bläst den von zwei Takten auf acht oder 16 Takte auf. Oder man verzichtet gänzlich auf One Shots und arbeitet nur mit Filterkurven und hinterhängenden Effektfahnen.
Wie eingangs erwähnt, lassen sich auf Deinem aktuellen Album auch eine ganze Reihe richtiger Instrumente heraushören. Wie wichtig ist es Dir, mit richtigen Instrumenten zu arbeiten? Könntest Du Dir vorstellen, ausschließlich mit Software Instrumenten zu arbeiten?
Zum ersten Teil deiner Frage: Es ist mir wichtig, richtige Instrumente auf dem Album zu haben. Oder besser gesagt: Es wird immer wichtiger. So mit 20 Jahren war eine Nummer, die nur 909 war, völlig ausreichend. Heute sage ich auch mal: “Ach, lass uns doch nochmal rüber in die Gesangskabine gehen und nochmal einen Shaker oder noch ein paar zusätzliche HiHats, Hand Claps und so aufnehmen”, das geht dann immer so weiter. Mir wäre es zu wenig ausschließlich Software Instrumente zu nutzen. Es wird bei mir immer mehr so, dass beides gleichberechtigt bedient wird. Also, ich verzichte nicht auf das eine, aber auch nicht auf das andere. Diese Ausschließlichkeit: Ich habe nur FM-Synthese, ich habe nur noch MIDI-Noten - das ist mir zu wenig, ich will den anderen Schwung noch mit rein holen. Natürlich will ich den auch nicht ausschließlich. Wenn ich beispielsweise ein Album nur mit einem echten Drumset aufnehmen würde, dann wird mir Gregor Tresher sagen: “Du hast aber dünne Kickdrums.” Weißte, der lacht mich dann dafür aus. Dementsprechend: Beides hat seine Daseinsberechtigung und ein Ausschluss findet nicht statt.
Denkst Du, dass es auch eine Möglichkeit ist, sich mit “richtigen” Instrumenten abzuheben? Der Zugang zu Software Instrumenten ist ja recht einfach, man kann sich eine Komplettausstattung, an bespielsweise Keyboards, auf CD kaufen.
Die Demokratisierung der Produktionsmittel ist Segen und Fluch. Jeder kann sich für ‘nen Fuffi heutzutage ... oder sagen wir mal, mit Hilfe des Torrents, das alles zusammen kramen. Was er dann aber immer noch nicht hat, es sei denn, er ist ein musikalisches Genie, ist nämlich die musikalische Erziehung und auch das Handwerk. Musik ist keine Kunst, Musik ist ein Kunsthandwerk. Das muss man können, da muss man lange für lernen. Wenn ich der Welt zeigen würde, was ich mit 18 Jahren produziert habe, würden sich ihr die Ohren nach innen rollen. Es ist unglaublich, was das für ein Schrott war. Man braucht erst einmal ein bisschen Zeit, man muss erst einmal auf die Weide gehen. Das lässt sich nicht umgehen. Und ganz wichtig: Durch diese Demokratisierung der Produktionsmittel zeigt sich nämlich: Können ist gut! Doch dann entscheidet nur noch der Geschmack. Es gibt Produzenten, die einen scheiß Geschmack haben.
Ich habe im Interview auf motor.de gelesen, dass Du auf eine gewisse Wärme in Deinen Songs Wert legst. Bedienst Du Dich dabei analoger Hilfsmittel wie Bandmaschinen, um Deiner Musik mehr Wärme zu verleihen?
Ja, na klar. So mit fortschreitender Zeit, als wir das Album fertig gemacht haben und dann die gemischten, aber noch nicht gemasterten Files fertig hatten, dachten wir uns: “Hmm, was machen wir den jetzt so?” Und dann ist Chopstick, der Chef von Suol, gekommen: “Jetzt schicken wir den ganzen Spaß durch eine Studer Bandmaschine.” Das macht schon Spaß und das ist auch wichtig. So eine schöne, crispe Bandsättigung, das schafft noch mehr Zufriedenheit beim Produkt, wie ich finde. Das gefällt mir noch mehr, als das einfach nur über Pro Tools oder Logic laufen zu lassen und dann auszuspielen. Also, ’ne Studer Bandmaschine ist eine feine Sache und ich möchte es nicht missen.
Bevor Du als Musiker in Erscheinung getreten bist, hast Du jahrelang als Journalist gearbeitet. Hat man dann nicht großen Respekt vor dem eigenen musikalischen Schaffen und Angst, nicht dem gerecht zu werden, was man vielleicht vorher noch kritisiert hat?
Angst ist es nicht, Respekt ist es auch nicht. Es ist bedacht. Sagen wir mal so, ich brauche viel länger, bis ich einen meiner eigenen Titel gut finde als vielleicht jemand anderes, der eine nicht so große Auseinandersetzung sucht und dem im Hinterkopf nicht 500 Albentitel rumschwirren, die wirklich genial waren. Und natürlich hat man dann auch diesen Anspruch: Toll soll es schon sein, halbgare Ware brauchen wir hier nicht. Deswegen habe ich mich so lange zurück gehalten mit Veröffentlichungen. Ich hätte schon viel früher Sachen veröffentlichen können, die aber vielleicht nur halb so gut gewesen wären – das hätte mir nicht gefallen. Es ist bedacht, man überlegt dreimal, ob man was veröffentlicht.
Hast Du dabei vielleicht auch ein bisschen von Deinem Bruder lernen können, da Du ihn in einigen Produktionen ja auch unterstützt hast?
Bei Paul und mir ist das mit dem Produzieren eine wechselseitige Geschichte. Das sind so Wellen, jeder von uns hat ein gewisses Steckenpferd. Paul ist nicht so gut darin sich z.B. Samples zu merken, der ist nicht so ein Digger. Paul hat auch diese Hip Hop Phase nicht so kräftig mitgenommen, wie ich das habe. Bei mir war so richtig “diggin‘ in the crates” angesagt, bis du das letzte, heiße Break gefunden hast. Paul hat sich damit nicht so intensiv auseinandergesetzt und hat dann natürlich auch mal meine Libraries mitgenommen. Dementsprechend hab ich ihm da geholfen.
Paul ist dafür sehr gut bei Side Chain Kompression, was so Kick und Bass angeht, damit die gut durchsetzungsfähig sind, das ist nicht so ganz mein Steckenpferd, da passieren mir auch manchmal so kleine Flüchtigkeitsfehler. Wenn Paul bei mir zu Hause vorbeikommt, dann kommen so Sachen wie: “Da nehm ’wer nochmal bisschen von der Trash, da kann sich die Smack von der Kick noch ein bisschen besser durchsetzen.” Man hilft sich da so ein bisschen und dementsprechend beeinflusst man sich natürlich auch.
Du und Paul – ihr scheint euch als Brüder gegenseitig gut zu unterstützen. Oftmals gibt es zwischen Brüdern eine Art Konkurrenzdenken, also so ganz im Allgemein, im Familienleben. Denkst Du, es gibt nur diese beiden Ausprägungen: Entweder, man kann super miteinander arbeiten, so wie Ihr, oder es geht gar nicht unter Geschwistern?
Wahrscheinlich gibts Bruderbeziehungen in allen Arten, Schattierungen und Stärken. Man spricht ja landläufig immer nur vom “ja oder nein”-Prinzip, eins oder null, entweder sie hassen sich oder es ist alles ganz fein.
Abgesehen von einer adoleszenten Episode, wo man sich gegenseitig sehr auf den Sack gegangen ist, war bei uns eigentlich eher so ein unterstützender Gedanke vorhanden. Da ist die Musik aber auch wieder der Schlüssel. Wenn man eine Leidenschaft teilen kann, hat man natürlich auch viele Anknüpfungspunkte. Wenn Paul weiterhin Musiker gewesen wäre und ich eine Banklehre gemacht hätte, hätten wir uns getroffen und gesagt: “Und, wie geht’s den Eltern? ... Hmm, Kaffee?” Und dann wäre das Gespräch beendet gewesen. Dementsprechend können wir uns zwei Tage lang über irgendein uninteressantes Detail in einem Titel unterhalten. Es ist immer Gesprächsstoff da.
Paul wurde in Leipzig geboren, Du in Berlin Friedrichshain, also seid Ihr beide Kinder der DDR. Würdest Du behaupten, dass es in Ost und West Unterschiede in der Technokultur gibt?
Bestimmt. Ich habe mir sagen lassen, dass im tieferen, mittleren Westdeutschland der Hard Style doch noch recht verbreitet sein soll, der in Berlin keine so große Verbreitung hat. In Niedersachsen soll es wiederum eine recht veritable Gabba Szene geben, was in Berlin schon einigen Jahren eher ein Nieschendasein fristet. Also, da gibts wahrscheinlich Unterschiede und Ausprägungen, das auf jeden Fall.
Denkst Du, dass die Wende starken Einfluss auf die Technokultur gehabt hat? Gerade in Ost-Berlin gibt es viele Clubs. Aufgrund der alten, leerstehenden Fabrikhallen, haben sich Räumlichkeiten ergeben, die Techno höchstwahrscheinlich mitgeprägt haben.
Unbedingt! Raum schafft Möglichkeit. Nach dem Fall der Mauer und den freigewordenen Räumen, waren die Ersten, die zusammengefunden haben, diejenigen, die gefeiert haben. Und Dimitri Hegemann hat zwei Wochen später den Laden aufgemacht, in einem Keller. Und dann ging die Luzi auch schon ab. Natürlich, der Raum schafft Möglichkeiten und prägt dann auch die Sprache, also in dem Falle die Musik. Das ist unabdingbar. Deswegen war diese kurze Phase der Möglichkeiten, die Berlin in ihrem Umbruch erlebt hat, die Chance, sich im Techno Bereich zu dem aufzuschwingen, was Berlin heute ist. Nämliche eine der führenden Orte für Technomusik auf der Welt.
Eine Frage noch zu Berlin: Ein Großteil an Techno Produzenten und DJs hat Berlin als Wahlheimat auserkoren. Du als Berliner Original: Wie findest Du diesen Hype um Berlin?
Ich finde das gut. Sagen wir so, wie es ist. Es würde der Mode entsprechen, wenn ich sagen würde: “Ahh, nee, die gehen uns alle auf den Sender und so.” Das ist unter Urberlinern auch sehr beliebt, es nicht zu mögen, dass die Leute kommen. Unterm Strich ist das Quatsch. Wenn die nicht kommen würden, wäre die Szene nicht so veritabel und wir würden immer noch in unserem Lokaldasein vor uns hinsumpfen.
Von daher: Es ist gut, dass die Leute zusammenkommen. Dass Leute aus der ganzen Welt kommen. Beispielsweise eine Horde Techno produzierender Kanadier in Berlin umher geht. Das ist alles gut. Punkt.
Also könntest Du Dir auch nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben?
Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Ich bin zu sehr verbunden mit Berlin. Obwohl mich die Veränderungen an manchen Tagen ankotzen, was letztlich auch von meiner Tagesform abhängt. Aber ich habe noch nie wirklich mit dem Gedanken gespielt, woanders hingehen zu wollen. Nee, tut mir leid, ist nicht drin.
Das Interview führte Daniel Finaske am 07.09.2011 im SpecOps Café Münster. Vielen Dank an das SpecOps Café für die nette Bewirtung.
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