Im Test: Focusrite VRM Box

 
Im Test: Focusrite VRM Box

Produziert man zu Hause Musik, hat man fast zwangsläufig mit der Lautstärke zu kämpfen. Meine Nachbarn sind zwar sonst sehr tolerant, zeigten aber wenig Verständnis, als ich mitten in der Nacht den Sampleordner nach einer passenden Bassdrum durchsuchte. Nachdem ich einige hundert Samples vorgehört hatte, klingelte es an der Tür und der nette Herr von nebenan teilte mir mit er wolle schlafen. Mein Argument die hohe Lautstärke wäre nötig, um den Tiefbass beurteilen zu können, schien ihn nicht sonderlich zu überzeugen. Seitdem nutze ich zu später Stunde grundsätzlich Kopfhörer.

Problem gelöst könnte man meinen. Hört man sich das Ergebnis der nächtlichen Arbeit am nächsten Tag dann über Lautsprecher an, macht sich Ernüchterung breit. Der Mix, der auf Kopfhörern gut klingt, funktioniert über Boxen meist überhaupt nicht. Instrumente, die mit Kopfhörer noch gut zu orten waren, sind fast nicht mehr wahrzunehmen. Dafür drängen sich plötzlich Klänge penetrant auf, die eigentlich dezent im Hintergrund bleiben sollten. Die Verteilung im Stereo-Panorama gleicht einer Katastrophe. Der Bassbereich klingt undifferenziert ...

Aber warum ist es überhaupt so schwer, auf Kopfhörern vernünftig zu mischen? Dafür muss man sich vor Augen führen, wie unsere Ohren den Schall von Stereo-Lautsprechern aufnehmen. Der Klang der rechten Box trifft zwar zuerst auf das rechte Ohr, mit minimaler Verspätung und Abschwächung aber eben auch auf das linke. Bei der linken Box ist das natürlich genau umgekehrt. Anhand dieser Lautstärke- und Laufzeitunterschiede kann das Gehirn die Position eines Geräusches im Raum ermitteln. Benutzt man Kopfhörer, fällt diese Möglichkeit weg. Der linke Stereo-Kanal gelangt nur zum linken Ohr, der rechte nur zum rechten. Ein Bewertung des Stereobildes und der Tiefenstaffelung ist so nur sehr begrenzt möglich. Auch Hall kann nur schwer beurteilt werden. Die Beurteilung des Bassbereichs fällt über Kopfhörer schwer, da Bass nicht nur gehört, sondern auch gefühlt wird.

Die Lösung?

Hier kommt die VRM Box von Focusrite ins Spiel. Es handelt sich dabei um ein kompaktes Audio-Interface, das äußerlich zunächst nicht sonderlich spannend wirkt. Ein Kopfhörer-Ausgang, ein S/P-DIF Digital-Eingang und ein Lautstärkeregler. Das ist selbst bei einem Verkaufspreis von 99 Euro eine eher spartanische Ausstattung. Das Besondere versteckt sich hinter den Buchstaben VRM.

Mit Virtual Reference Monitoring bezeichnet Focusrite eine Technik, die mit Hilfe eines DSP-Systems verschiedene Lautsprecher und Räume simulieren soll. Der Klang teurer Nahfeld-Monitore in einem professionellen Studio über Kopfhörer? Das klingt dann doch spannend.

Features und technische Daten

Features

  • USB Audio-Interface
  • Kopfhörer-Ausgang
  • Lautstärkeregler
  • S/P-DIF Digital-Eingang
  • Virtual Reference Monitoring Technologie
  • LED-Anzeige

Technische Daten

  • 24- bit/48kHz
  • Ausgangimpedanz: kleiner 10 Ohm
  • 108 dB Dynamikumfang
  • Bus-power über USB
  • Gewicht: 123 Gramm

Die Praxis

Beim Auspacken fällt die VRM Box zuerst mit ihrer geringen Größe auf. Normalerweise spricht man von einem kompakten Audio-Interface, wenn man das Teil in einem Rucksack transportieren kann. Mit einer Grundfläche von 68 mal 68 mm ist die VRM Box klein genug um sie bequem in der Hosentasche zu verstauen. Das Gerät besteht komplett aus Plastik, wirkt aber stabil. Obwohl der Lautstärkeregler sehr flach ist, lässt er sich angenehm bedienen. Beim Start der Installation werde ich sofort auf eine aktualisierte Version der Gerätesoftware hingewiesen, die automatisch aus dem Internet geladen wird. Die Installation ist schnell und einfach abgeschlossen, das Gerät nach nur 2 Minuten einsatzbereit. Bei der ersten Benutzung gibt sich die VRM Box unauffällig. Der Klang ist für ein Interface dieser Preisklasse ordentlich, die Lautstärke des Kopfhörer-Verstärkers für den Heimgebrauch ausreichend. Interessant wird es erst beim Start der VRM-Software.

Die Software besteht aus nur einem einzigen Fenster und wirkt sehr übersichtlich. Zentrales Element ist ein Bild, welches die derzeit simulierte Abhörsituation darstellen soll. Beim starten des Programms sehen wir den Regieraum eines professionellen Studios. Auf der Meterbridge des dargestellten Mischpultes können wir die zur Zeit ausgewählten Monitore erkennen. Der rechte Bereich des Fensters dient der Auswahl der Lautsprecher. Hier können wir zwischen 10 verschiedenen Paaren wählen. Die Auswahl reicht von Klassikern wie den Yamaha NS10 oder Genelec 1031A bis zu aktuelleren High-End-Modellen wie den Adam S2.5A. Aber nicht nur bei den Monitoren können wir wählen, auch an unterschiedliche Räume hat Focusrite gedacht. Neben der "Professional Studio" genannten Simulation, sind mit "Bedroom" und "Living Room" noch ein typisches Homestudio sowie ein durchschnittliches Wohnzimmer vertreten. Ein Klick auf das VRM Box Logo aktiviert die Simulation und eine grüne LED auf dem Interface leuchtet auf.

Wie immer bei neuen Abhörgeräten geht es nun ans Kennenlernen. Als Kopfhörer dient ein Sony MDR-V500. Die ersten 10 Minuten bin ich alles andere als angetan. Der Sound klingt matschiger und vor allen Dingen sehr ungewohnt. Und das soll mir beim Mischen helfen? Als ich das erste Mal bewusst auf Stimmen höre, fange ich an meine Meinung zu ändern. Stimmen klingen tatsächlich realistischer, befinden sich plötzlich nicht mehr direkt in meinem Kopf, sondern scheinen in einem Raum vor mir zu stehen. Als ich die Simulation nach einer halben Stunde das erste mal abschalte, bin ich überrascht, wie sehr ich mich in dieser kurzen Zeit an sie gewöhnt habe. Aus der Theorie zu wissen, warum Kopfhörer anders klingen als Lautsprecher ist die eine Sache, das im direkten Vergleich zu hören ist etwas ganz anderes. Erstaunlicherweise scheint die Technik der VRM Box auch im Bassbereich zu wirken. Einen Subwoofer, der bei 30 Hertz die Hosenbeine flattern lässt, kann das natürlich nicht ersetzen. Trotzdem klingt die Basswiedergabe mit Simulation irgendwie ehrlicher. Auch beim umschalten zwischen den verschiedenen Räumen und Lautsprechern lassen sich deutliche Unterschiede ausmachen. Die MDR-V500 fallen ja doch eher in die Kategorie der günstigen Kopfhörer und so bin ich gespannt, wie sich die VRM Box mit teureren Geräten schlägt.

Ich schließe meinen Beyerdynamic DT 770 an und die ganze Sache geht gerade im Bassbereich nochmal ordentlich nach vorne. In den Tiefmitten bleibt es leider etwas matschig. Wirklich zufrieden bin ich erst mit dem AKG K 701. Langsam fange ich an mich zu fragen, warum es so ein Gerät nicht für meinen iPod gibt. Das hört sich alles schon sehr gut an, der nächste Schritt kann kommen. Ich versuche mit der VRM Box zu mischen.

Trotz ausführlichem Einhören fällt mir das Mixen mit Raumsimulation schwerer als ich erwartet hatte. Selbst mit den sehr hochauflösenden AKG K 701 klingt das Signal oft etwas matschig. Man muss sich wirklich etwas Zeit mit der ganzen Sache lassen und einarbeiten. Aber tatsächlich erleichtert mir die VRM Box das Beurteilen von Tiefenstaffelung und Verteilung im Panorama. Auch der Einsatz von Equalizern scheint mir besser zu gelingen. Beim Mischen schalte ich immer wieder zwischen VRM-Funktion und reinem Kopfhörerklang um. Das heißt, jedes mal die Software öffnen und rumklicken. Hier hätte ich es deutlich schöner gefunden, wenn es dafür einen Schalter an der Hardware geben würde.

Nach einigen Abenden bin ich dann so weit, dass ich einen Mix fertig habe, mit dem ich relativ zufrieden bin. Die wirklich große Stunde der VRM Box schlägt erst am nächsten Tag, als ich mir den Mix auf meinen Monitoren anhöre. Das klingt schon sehr ordentlich. Über meine Yamaha HS 80m höre ich noch die eine oder andere Sache, die verbessert werden will, im Großen und Ganzen ist der Mix aber schon brauchbar.

Besitzt man bereits ein qualitativ hochwertiges Audio-Interface und möchte die VRM Technologie parallel dazu nutzen, kommt der Digital-Eingang der VRM Box ins Spiel. Verbindet man diesen mit einem digitalen Ausgang des professionellen Interface, kann man das "große" Interface wie gewohnt nutzen, während die VRM Box für den Kopfhörer-Ausgang mit Monitor Simulation sorgt.

Pro und Kontra

Pro

  • Kompakt
  • Guter Klang
  • Besseres mischen über Kopfhörer

Kontra

  • An- und Ausschalten der Simulation nur über Software

Fazit

Ersetzt die VRM Box wirklich einen akustisch optimierten Raum mit hochwertigen Nahfeld-Monitoren? Ganz klar nein. Selbst mit sehr guten Kopfhörern reicht diese Lösung nicht ansatzweise an vernünftige Monitore heran.

Die Frage muss vielmehr lauten: Erleichtert die VRM Technologie das Mischen mit Kopfhörern? Diese Frage kann ich zumindest für mich eindeutig mit einem Ja beantworten. Wer gezwungen ist oft mit Kopfhörern zu arbeiten, sollte sich auf jeden Fall Zeit nehmen und die Focusrite VRM antesten.

Focusrite VRM Box

  • Simuliert verschiedene Hörsituationen
  • Interface mit 24-Bit-/48 kHz
  • S/P-DIF-Eingang
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