Crash! Boom! Bang!
Brachial und gewaltig kommt die aktuelle Kontakt-Library aus dem Hause Heavyocity daher, denn hinter Native Instruments Damage steckt ein Soundarsenal, das man normalerweise eher von einem Vorspann eines temporeichen Actionfilms kennt. Die Soundentwickler und Samplejäger sind bei ihrer Klangsuche unter anderem auf diversen Schrottplätzen fündig geworden, wenn es um die Auswahl der richtigen “Instrumente” ging. Da wurde auch schon mal kurzerhand mit dem Vorschlaghammer die Karosserie eines Auto bearbeitet, um die Drumkits in der Library zu füllen. Denn wie in dem Native Instruments-Trailer ansehnlich darstellt, wurde ein großer Teil der Entwicklungszeit eben nicht nur in New Yorker Studios verbracht, sondern eben auch auf Schrottplätzen, um dem Klang von Zerstörung möglichst authentisch abdecken zu können. Außerdem wurde viel Zeit bei der Auswahl und Aufnahme der Schlaginstrumente verwendet, um ein perkussives Sound-Sammelsurium der ganz besonderen Art zu erschaffen. Insgesamt gesehen alles sehr kaputter Kram.
Endzeitstimmung
Vermutlich hätte ich die Verpackung noch positiver bewertet, wenn diese durch die Deutsche Post versehentlich beschädigt angekommen wäre. Eben damaged! So hinterlässt das selbsternannte “epische Schlagwerk mit düsteren, hybriden Sound” aber auch schon einen klasse Eindruck: Mittels 3D-Effekt und dunkel gehaltenen Farbtönen wird eine düstere Endzeitstimmung vermittelt und Spannung aufgebaut. 200 Percussion-Sounds, 500 Oneshot-Samples und über 700 sliced Loops in 24-bit bei 44.1 kHz tummeln sich auf der DVD inklusive des aktuellen Kontakt 5 Players. Insgesamt kommt man so auf satte 30 Gigabyte im unkomprimierten Zustand.
Ordnung auf dem Schrottplatz
Aufgeteilt ist die Library in zwei Oberkategorien, die sich auf die Rhythmic Suite und Percussive Kits verteilen. Letzeres sind, wie der Name schon verrät, gesammelte Zerstörungswerke in Form von einzelnen Drumkits und perkussivem Tonmaterial. Die Rhythmic Suite bietet dagegen Loops an, die es einmal in der Full und Elements-Variante gibt. Die Elements-Variante lässt sich per Midi Drag & Drop in eine Software laden, um von dort direkt angesteuert zu werden, während die Full-Loops zum direkten Abfeuern geeignet sind. In der Full-Loop Variante gibt es vorgefertigte Slice-Methoden, die per Tastendruck aktiviert werden und so den Sound auf brutale Weise zerstückeln. Die Loops sind auf der Klaviatur entsprechend nach Tonart verteilt. Das bedeutet, dass beispielsweise die dunkleren Sounds, wie Kicks und Toms im unteren Bereich der Tastatur zu finden sind, während die hellhörigeren Instrumente, wie Percussion und Hihats, im oberen Bereich der Klaviatur vertreten sind.
Aber bitte organisch!
Durch den hohen Aufwand, den Heavyocity beim Recording der Samples verwendet hat, ist der Damage-Sound auf seine eigene Art sehr organisch – es wirkt “echt”. Die Klangcharakteristik der Kits reichen von majestätisch bis verspielt, von fies bis bedrohlich, alles dabei im industriellen und rhythmischen Einklang. Spannungsbögen können im Nu erstellt werden und verleihen jedem noch so lahmen Break die dazugehörige Portion Schwung. Die Klangfarbe ist in jedem Fall auf höchstem Niveau authentisch und inspiriert schon beim Anspielen.
Mehr Effet durch Effekte
Native Instruments Damage bietet durch die implementierte Kontakt-Effektsektionen noch einige Möglichkeiten, den Klang zu variieren. Dafür sind in der Mastersektion Distortion, LoFi, Reverb und Delay zuständig. Die Envelope, also die Lautstärkekurve, lässt sich ebenfalls global einstellen und bestimmt die Anspielart der Samples. Eine individuellere Bearbeitung der einzelnen Drumkits wäre zwar schöner gewesen, aber man darf auch nicht vergessen, dass es sich bei Damage um eine Sample-Library handelt, die darauf wartet, in bestehenden Projekte eingebunden und dort gegebenenfalls nachbearbeitet wird. Erfreulicherweise lassen sich aber Equalizer und Filtereinstellungen separat für jeden Sound editieren oder ebenfalls global einstellen. Mit dem überdimensionalen Punish-Poti lässt sich auf dem Master der gesamte Klang noch breiter und bedrohlicher fahren, insbesondere die Drumkits wachsen hier über sich hinaus. Dadurch, dass alle Parameter voll midifiziert sind und sich auf Controller im heimischen Studio mappen lassen, kann man der schon ohnehin ausgefallene Soundlibary noch mehr Individualität beim Spielen entlocken. Äußerst gelungen finde ich in diesem Zusammenhang die Loop-Sektion von Damage. Während man den Raumklang einzelner Drumkits individuell bestimmen kann, also beispielsweise einen Sound “ganz hinten links” positionieren, verfügt man bei den Loops über ein Arsenal an Effekteinheiten, die sich über die Tasten C6 – G6 anspielen lassen. Punch, Phaser, Rotator, LoFi, Glitcher, Pitch Envelope und Delay sind per Tastendruck abfeuerbar.
Fazit
Die Jungs von Heavyocity haben ganze Arbeit geleistet und einen industriellen Klangfuhrpark der ganz besonderen Art abgeliefert. Die umfangreiche Library mit dem schaurig schönem Layout begeistert all diejenigen von der ersten Minute an, die sich für düstere und atmosphärische Klänge begeistern können. Die kreativen Loops laden zum Slicen und zerstückeln ein, die Drumkits sind sehr sorgfältig und individuell ausgewählt, immer mit perkussiven und rhythmischen Hintergedanken. Das Sample-Bollwerk ist dabei überraschend vielseitig einsetzbar: Damage eignet sich zwar besonders hervorragend für dramatische und actionreiche Filmmusik, bietet sich aber auch für härtere, elektronische Musikstile an, denn gerade die industriellen Sounds laden zum experimentellen Spielen und zerstören ein. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass in Hiphop-Produktionen Damage seine Freunde finden wird, gerade wenn man auf der Suche nach kernigen und krachenden Drums ist, wird man bei der Klangauswahl schnell fündig.
Somit sind die Anwendungsbereiche von Damage wesentlich vielschichtiger, als es auf den ersten Blick vermuten lässt. Wer eine Art Spaß-Keyboard erwartet hat, wo auf der Note C1 ein Auto abstürzt und auf der zweiten Taste eine Sirene ertönt, der hat weit gefehlt, denn Damage setzt definitiv neue Maßstäbe, was brachiale und rhythmische Soundlibaries betrifft.
Pro/Contra
Pro
- Außergewöhnliche Klangästhetik
- Spannungsgeladene und energetische Loops
- Übersichtliche Ordnerstruktur
- Vielseitig einsetzbar
Kontra
- Keine nennenswerten Nachteile
Native Instruments Damage
- Zerstörende Soundlibrary
- über 30 GB Sounds
- nahtlose DAW-Integration
Kategorie: Produkttests Producing
Tags: native instruments, studio, studio software, damage, heavyocite, sound library
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